Juana: Ungeplante Alleingeburt wegen COVID-Quarantäne

Hinter dem heutigen 16. Türchen verbirgt sich Juanas Geschichte. Juana wollte eigentlich eine Hausgeburt mit Hebamme. Wegen Corona wurde daraus nichts.

Die Vorstellung

Bei der Vorstellung, in einem Krankenhaus gebären zu müssen, war mir von Anfang an unwohl. Im Laufe der Schwangerschaft habe ich mich immer mehr mit den verschiedenen Geburtsortsoptionen auseinandergesetzt. In den eigenen 4 Wänden zu entbinden, schien für mich das Richtige zu sein. Also haben wir uns eine Hebamme gesucht, die mit uns eine Hausgeburt durchführt und eine gefunden, mit der wir uns auch noch super verstanden haben. Nach einem Treffen hatte sie uns jegliche Zweifel und Bedenken genommen und ich konnte anfangen, mich auf die Geburt zu freuen. 

Foto: privat

An dieser Stelle muss ich sagen: Schwanger sein war nicht meins. Es gibt viele Frauen, die einfach gerne schwanger sind, aber ich habe mich in meiner Haut nicht mehr wohlgefühlt. Im Nachhinein betrachtet, lag es vermutlich an den ganzen Vitamin- und Nährstoffmängel, die bei mir erst im dritten Trimester festgestellt wurden und teils sogar erst im Wochenbett. Ich konnte es kaum erwarten, die Schwangerschaft endlich hinter mir zu lassen und umso lieber bin ich jetzt Mutter. Dennoch wollte ich mir den Übergang so angenehm wie möglich gestalten. Wir haben uns einen Geburtspool gemietet und alle möglichen Besorgungen erledigt, um eine angenehme und entspannte Hausgeburt erleben zu können. 

Die Realität

Ungefähr 3 Wochen vor dem errechneten Termin hatte ich immer mal wieder  etwas Wehen, mein Bauch war abgesenkt und ich wusste, es würde könnte bald losgehen. Dann war ich auf einmal müder als sonst und erstmal dachte ich mir nichts dabei, doch als ich in der Nacht Fieber bekam, war es mir eigentlich schon klar. Ich hatte Corona. Wir wurden positiv getestet und meine Wehen hörten abrupt auf. Es passierte nichts mehr. Mein Körper konzentrierte sich ganz allein darauf, wieder zu Kräften zu kommen. Das Schicksal spielte uns nicht in die Karten. Solange ich Corona positiv war, konnte unsere Hebamme aus versicherungstechnischen Gründen die Hausgeburt nicht mit uns durchführen. Ich wusste: Würde unsere Tochter zu diesem Zeitpunkt auf die Welt kommen, müsste ich ins Krankenhaus. Und das war für mich die schlimmste Vorstellung. 

14 Tage später waren wir direkt am morgen für einen erneuten PCR Test angemeldet und ich war überzeugt davon, dass dieser negativ ausfallen würde und somit die Hausgeburt wie geplant stattfinden könnte. Das letzte Testergebnis hatte ich innerhalb von 10 Stunden gehabt, daher machte ich mir wegen der unregelmäßigen Wehen, die ich seit dem Vorabend wieder hatte, gar keine Gedanken. Vermutlich würden sie eh wieder verschwinden, dachte ich mir. So wie es die letzten Male immer war. Ich war 2 Tage vor dem ET und ich hatte gehört, dass die ersten Geburten meistens sogar mehrere Tage andauern. Ich war also tiefenentspannt, denn außer meinen Wehen hatte ich keine Anzeichen, dass es mit der Geburt losgehen könnte. Als wir nach dem Testen wieder Zuhause waren, haben wir ein Exit Spiel begonnen, was über mehrere Stunden ging. Im Laufe des Spiels wurden die Wehen immer stärker und zwischendurch musste ich mit dem Rätsellösen pausieren und mich auf meine Atmung konzentrieren. Gegen 14 Uhr war das Spiel beendet und ich wollte duschen gehen, da ich wusste, in der Dusche könnten die Wehen weggehen. Mein Mann musste mit, weil ich mir nicht sicher war, ob ich von alleine noch stehen konnte. Nach gut einer halben Stunde, bin ich wieder aus der Dusche und tatsächlich waren die Wehen wieder schwächer und ich dachte mir nur „zum Glück, weil noch habe ich kein Testergebnis“. Allerdings hielt die Freude nicht lange an und die Wehen kamen stärker zurück. Gegen 15:00 Uhr haben wir unsere Nachbarin – die Tantes meines Mannes (eine Krankenschwester)  – angerufen und gefragt, ob ich bei ihr baden gehen dürfte (da wir keine eigene Badewanne haben), in der Hoffnung das warme Bad würde die Muskulatur entspannen und meine Wehen pausieren können, bis das Testergebnis endlich da ist. Auch diesmal hatte ich falsche Hoffnungen. Mit der Zeit wurden sie stärker und wir informierten unsere Hebamme. Diese meinte, wir sollen die Abstände zwischen den Wehen messen. Das taten wir. Die Abstände waren bei 5 Minuten im Durchschnitt. Während den Wehen strich Marco mir das Becken aus und in den Pausen versuchte ich etwas zu essen und zu trinken. Gute 2,5 Stunden war ich im Wasser und dann war ich so müde, dass ich nur noch ins Bett wollte. Wir haben unser Schlafzimmer abgedunkelt und ich versuchte, etwas zu schlafen, aber jede Wehe hat mich wieder aufgeweckt.



Irgendwann war ich an einem Punkt angelangt, da waren die Wehen so intensiv und stark, dass ich nicht mal mehr angefasst werden wollte. Ich wollte nur, dass mich jeder in Ruhe lässt und redete mir ein, dass es gleich wieder vorbei sei. Gegen 18:30 haben wir die Hebamme angerufen. Meine Wehen hatten einen 3 Minuten Abstand und ich war immer noch optimistisch, dass bald das Testergebnis da sein würde. Unsere Hebamme meinte aber, diese wäre der Punkt, an dem sie losfahren würde und da sie nicht kommen dürfte, sollten wir uns jetzt auf den Weg ins Krankenhaus machen. Ich meinte noch „aber meine Blase ist noch nicht mal geplatzt.“

„Manchmal platzt sie erst, wenn der Muttermund schon komplett geöffnet ist.“ war ihre Antwort.
Als wir aufgelegt hatten, hab ich Marco gebeten, seine Tante zu holen, weil ich ratlos war. Ich wollte wirklich nicht ins Krankenhaus und schon gar nicht als Corona Positive. Ich hatte nicht mal eine Kliniktasche gepackt und wie sollte ich in diesem Zustand noch irgendwo hingehen? Das war für mich alles unvorstellbar und als unsere Nachbarin dann kam, hatte ich plötzlich den Drang zu pressen und wusste auf einmal, ich würde es nicht mal mehr ins Krankenhaus schaffen. 10 Minuten später platzte meine Blase und man konnte bereits die Haare unserer Tochter sehen.

Ich begann zu pressen und merkte, wie der Kopf immer weiter kurz davor war, rauszuflutschen. In der Zwischenzeit sind die Beiden gerannt und haben die Handtücher im Ofen aufgewärmt, Klammern abgekocht für den Fall, dass wir die Nabelschnur abtrennen müssten und Sonstiges ins Schlafzimmer geholt, dass wir gebrauchen könnten. Bei jeder Wehe, habe ich mich an beiden festgehalten. Es hat ungefähr eine Stunde gedauert, in der der Kopf immer wieder kurz vorm Austreten war und mit dem Ende der Wehe wieder zurückgegangen ist. Das war sehr frustrierend, zumal ich einfach nicht loslassen konnte. Mein Unterbewusstsein war immer noch an dem Gedanken festgeklammert, dass ich ein negatives Ergebnis haben müsste, bevor ich mein Kind gebären konnte. In den Pausen hat mir Marco was zu trinken gegeben und mir das Gesicht mit einem kalten Waschlappen abgetupft. Mein Herz war am Rasen, als wäre ich bereits 10km gelaufen. Obwohl ich nicht mehr konnte, hat mein Körper irgendwoher die Kraft genommen, um weiterzumachen. 

Die Geburt

Unsere Nachbarin und Marco haben mir die ganze Zeit gut zugeredet, dass ich das super mache und es bald geschafft habe. Mehrmals hörte ich „Nur noch einmal pressen. Sie ist fast da.“ Und war jedes Mal frustriert, dass es wieder nicht geklappt hat. Irgendwann sagte mir unsere Nachbarin: „Juana, es ist okay. Sie darf jetzt kommen.“ Ich glaubte ihr und folgte ihrem Rat, einem Positionswechsel vorzunehmen und somit drehte ich mich um in den Vierfüßler und lehnte meine Arme auf der Bettlehne ab. Mein Mann gab mir seine rechte Hand zum Halten und mit der linken hat er den Kopf unserer Tochter gestützt. Als unsere Nachbarin meinte „Jetzt ja nicht aufhören! Juana, du musst jetzt pressen!“ habe ich aus Angst, es könne etwas schiefgehen, so stark gepresst, wie ich nur konnte, obwohl die Wehe bereits vorbei war. Und da spürte ich es flutschen und auf einem Schlag war der ganze Druck weg und ich konnte tief Luft holen. Um 20:29 Uhr hörte ich die Schreie meiner Tochter und wusste, ich hatte es geschafft. Sie war geboren. Instinktiv wollte ich mich umdrehen, aber wir hingen ja noch zusammen. Dann wurde mir meine Tochter unter meinen Beinen durchgereicht und irgendwie hab ich mich mit ihr auf meiner Brust hingelegt und versucht, zu realisieren, was gerade eigentlich passiert ist. 

Foto: privat

Die Nachgeburt 

Nach ca. 10 Minuten meinte unsere Nachbarin: “Ich würde jetzt mal den Notarzt rufen, damit die drüber schauen können, ob wir alles gut gemacht haben.” 

“Ja klar” war unsere Antwort. Die Plazenta müsste auch noch irgendwann rauskommen, deswegen wären ein paar Sanitäter nicht schlecht, dachte ich mir. Aber eigentlich war mir alles egal, ich hatte meine Tochter wohl auf bei mir und das war alles, was zählte. Nach 5 Minuten kamen die ersten Sanitäter in unser Schlafzimmer, das regelrecht nach einem Blutbad aussah. Die ersten Sanitäter beschlossen, es wäre gut, unserer Tochter eine Mütze aufzuziehen, also taten wir das. Irgendwann fiel die Frage, ob wir schon wüssten, ob Junge oder Mädchen und da bemerkten wir, dass wir alle vergessen hatten, nachzuschauen in der ganzen Aufregung, aber wie erwartet, war es ein Mädchen. Ab da kamen im 5 Minuten Takt immer 2-3 Sanitäter in unser Schlafzimmer, bis irgendwann 10 Männer darin standen und einer planloser als der andere war. Irgendwie waren alle überfordert mit der Situation und keiner wusste so recht, was zu tun war, was ich sehr amüsant fand, denn durch die ganzen ausgeschütteten Hormone habe ich mich ein wenig benommen gefühlt. Irgendwann wurde beschlossen, dass sie uns zur Kontrolle einfach mal ins Krankenhaus bringen würden. Mein Mann schnitt um 21:00 die Nabelschnur durch und daraufhin wurde ich mit einem Tragetuch vom 2. Stock in den Krankenwagen gebracht. Im Krankenhaus angekommen, lief alles schief und ich wusste direkt, wieso ich dort nicht zur Entbindung hinwollte. Ich hatte schon Angst, meine Nachgeburt im Gang zu gebären, weil ich so lange vor der Frauenklinik warten musste, bis alle diesen Schutzanzug anhatten. Als ich dann endlich in ein Zimmer gebracht wurde, wollte mir die Hebamme dort die Plazenta mit der Hand rausdrücken, indem sie Druck auf meinen Unterbauch ausübte. Mehrmals habe ich sie gebeten aufzuhören und ihr mitgeteilt, dass ich Schmerzen dabei habe, doch sie hat erst aufgehört, nachdem ich ihre Hand weggeschlagen und etwas lauter gesagt habe „Sie tun mir weh. Ich will das selber machen!“ Dann hab ich die Plazenta schnell rausgepresst, womit die Hebamme anscheinend nicht gerechnet hatte und wir wurden kurz untersucht, ob alles passt. Alles super und um kurz nach 00:00 durften wir dann endlich nach Hause  gehen.

Rückblickend

Im Nachhinein betrachtet, hätte es nicht besser laufen können. Und wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, um etwas zu ändern, würde ich es nicht. Als Team haben wir unsere Tochter auf die Welt gebracht. Marcos Arm war sogar an manchen Stellen für ein paar Tage blau und rückblickend muss ich ein paar Dinge loswerden: 

Ich hatte trotz der Spontanität ein tolles Geburtserlebnis. Ins Krankenhaus zu fahren, hätte mich aus meiner Entspannung gerissen und aufgewühlt. So konnte ich mich ganz darauf konzentrieren, meine Tochter zu gebären in meinem gewohnten Umfeld. Krankenhäuser mag ich immer noch nicht. Die Hormone, die mein Körper bei der Geburt ausgeschüttet hat, haben sich nach der Geburt angefühlt, als hätte ich zu Weed geraucht – ein Gefühl was ich noch von meiner Jugend kannte. Die Eröffnungswehen sind viel schlimmer als die Presswehen, dennoch dauern sie nicht lang. Bei den Presswehen wusste ich, es geht wenigstens was voran. Und: ich war noch nie so stolz auf mich und so selbstbewusst, wie seit der Geburt meiner Tochter. Ich schätze meinen Körper einfach auf einem ganz anderen Level und das, was wir gemeinsam erreicht haben. 

Über Juana

Heute hat Juana eine eineinhalbjährige Tochter und ist zertifizierte Fachkraft für natürliches und nachhaltiges Wickeln. Ihr Angebot findest du unter Stoffwindelsalat. Außerdem hat sie einen neuen Online Kurs (ab Dezember) zum Thema ungeplante Schwangerschaft, in dem sie anderen werdenden Müttern hilft, eine schöne Schwangerschaft und Geburt zu erleben und sich ausreichend auf das Muttersein vorzubereiten, obwohl die Schwangerschaft ungeplant war. 

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