Barbara: Der Kaiserschnitt, den ich nie wollte und die Freude darüber

Barbaras Geschichte ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass nicht immer alles so klappt, wie wir uns das wünschen. Und dass wir trotzdem damit leben können. Ich bin sehr dankbar, ihre Geschichte an Tag 5 im Geburtsgeschichten-Adventskalender 2023 veröffentlichen zu dürfen.

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Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Geburtsgeschichten-Adventskalenders 2023. Alle Folgen sowie Infos zu Gewinnspielen findest du unten.

Barbara: Der Kaiserschnitt, den ich nie wollte und die Freude darüber

„Das wird wohl auf einen Kaiserschnitt hinauslaufen“, meinte mein Frauenarzt bei der letzten Untersuchung in der Praxis. Genau das wollte ich nicht hören. Nach einem furchtbar langen Kinderwunsch über mehr als 7 Jahre, mehreren IVFs und zwei Fehlgeburten, habe ich mich unglaublich auf die Möglichkeit einer Spontangeburt gefreut. Endlich fühlen, was für andere selbstverständlich scheint. Endlich diese Kraft erleben, die eine Frau bei einer Geburt entwickelt. Kurzum: Ich wollte keinen Kaiserschnitt.  

Der Grund, warum er ihn voraussagte, lag am hohen Gewicht meiner Tochter. Schon von Anfang der Schwangerschaft an war sie stets an der obersten Perzentile zuhause, um die 30. SSW war dann deutlich: Das Kind wird groß und schwer. Auch wenn mich viele mit dem Argument von Fehlmessungen zu beruhigen versuchten, so hatte ich es doch im Gespür, dass die geschätzten Werte schon stimmen werden – vor allem deshalb, weil mein Frauenarzt ein sehr genauer Mensch ist, der stets mehrmals nachmisst. Sie wurde also nicht leichter und nicht kleiner, und es war abzusehen, dass sie in den letzten zwei Schwangerschaftswochen nochmal einen Schub machen würde. „Aber lassen Sie sich ein paar Tage vor dem Termin im Krankenhaus nochmal einen Termin geben zum Schätzen, dann sollen die entscheiden, was wirklich passiert“, meinte er und ließ mir einen Funken Hoffnung.  

Barabara in der 37. Schwangerschaftswoche

Viereinhalb Kilogramm: Einleitung

3 Tage vor dem errechneten Geburtstermin fand ich mich also in der Klinik ein. Einer der Oberärzte schallte, rechnete und meinte dann zu mir: „Ich komm auf genau 4,5 kg. Wenn Sie wollen, können Sie es spontan versuchen. Warten brauchen wir aber nicht mehr!“ Das ist es, was ich hören wollte! Wir vereinbarten eine stationäre Aufnahme und Einleitung für den nächsten Tag. Das war der Mittwoch.   

Bereits um 9 Uhr erhielt ich die erste Tablette. Wir hatten uns für die medikamentöse Einleitung entschieden, da ich bei den Fehlgeburten schon sehr gut darauf reagiert hatte und wusste, dass das Medikament bei mir wirkt. Also gabs die ersten zwei Angusta-Tabletten und bereits eine Stunde später verspürte ich Wehen, die auch gut im CTG sichtbar waren. Nach der nächsten Gabe wurden die Wehen stärker, im Laufe des Nachmittags kamen sie bereits im 1,5-Minutentakt. Als mein Mann mich am Nachmittag besuchen kam, konnte ich schon kaum mehr sitzen. Man hätte von außen meinen können, dass es nun nicht mehr allzu lange dauern würde.  

Ernüchterung

Aber weit gefehlt! Bis zum späten Abend ging der Muttermund nicht weiter als einen Zentimter auf, der Kopf des Babys lag immer noch nicht tief im Becken. Der Pfropf war noch dran, die Fruchtblase mit sehr viel Fruchtwasser drin noch intakt. Die Hebammen hatten bereits Schichtwechsel gehabt, und die diensthabende meinte zu mir, sie gibt mir für die Nacht ein Buscopan, damit ich schlafen kann. Tun würde sich in den nächsten Stunden ohnehin nicht viel. Widerwillig stimmte ich dem zu, denn eigentlich wollte ich die Geburt vorantreiben. Die wenigen Stunden Schlaf in der Nacht brachten aber doch etwas Erholung und ich war am Morgen voll motiviert, nun durchzustarten.  


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Ungeduld & Eis

Die – mittlerweile dritte – Hebamme untersuchte mich erneut, kein Fortschritt im Geburtsprozess. Ich fragte, ob man die Fruchtblase nicht aufstechen könne – so sehr wollte ich, dass etwas weitergeht. Sie erklärte mir, warum das in dieser Phase überhaupt nicht sinnvoll ist, was ich zähneknirschend hinnehmen musste – schließlich hatte sie ja Recht. Ich war einfach unfassbar ungeduldig. Also versuchte ich, die wieder auftretenden Wehen gut zu veratmen. Sitzen konnte ich mittlerweile nur mehr auf dem Gymnastikball, stehen und gehen war wesentlich angenehmer als Liegen. Also rannte ich den ganzen Tag im Krankenhaus herum, bis schließlich mein Mann wiederkam. Wir holten uns in der Cafeteria ein Eis, dann schickte ich ihn bald nach Hause und meinte, er braucht sich in den nächsten Stunden wohl kaum bereit halten, das würde tatsächlich noch etwas dauern.  

Die weise Eule

Am Abend fand erneut ein Schichtwechsel statt. Hebamme Nr. 4 war mir von Anfang an unglaublich sympathisch – weil sie so etwas Omahaftes ausstrahlte. Sie erinnerte mich an eine weise Eule. Ich berichtete ihr von meinen starken Schmerzen im Becken, das sich so anfühlte, als würde es bersten (was angesichts der Tatsache, dass mein Baby noch immer nicht hinuntergerutscht war, nicht wirklich Sinn ergab). Sie untersuchte mich erneut, ging raus, kam rein und meinte dann zu mir: „Ich mache diesen Job jetzt seit 42 Jahren. Ich sag Ihnen: Das wird nix! Die Kleine liegt auf ihrer Symphyse auf, daher haben Sie so starke Schmerzen. Die kommt nicht runter, offenbar ist sie tatsächlich zu groß.“   

Wir machen einen Kaiserschnitt

Ich schluckte und wusste, was ihr nächster Satz sein würde. „Machen wir einen Kaiserschnitt?“, fragte sie mich. „Machen wir einen Kaiserschnitt!“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen. Ich spürte es, dass sie Recht hatte. Nicht nur, weil ich unglaublichen Respekt vor jahrelanger Expertise habe – die sie ausstrahlte – sondern auch, weil mein Körper mir das sagte. Es ging nicht, ich war mir dessen sicher.   

Also holte sie zunächst die Assistenzärztin – übrigens die Frau meines Frauenarztes – die sich unserer Meinung gleich anschloss. Dann kam der Oberarzt hinzu. Es war derselbe, der mir am Dienstag die Möglichkeit der Spontangeburt gegeben hatte. Etwas schnippisch und beinahe beleidigt meinte er: „Naja, dann machen wir halt einen Kaiserschnitt“. Es klang fast so, als würde er mir vorwerfen, es nicht genug versucht zu haben. Aber die Hebamme und ich waren uns einig: Wir gehen kein Risiko ein. Zum Glück war die Assistenzärztin an meiner Seite, denn mit dem Oberarzt allein hätte ich mich wohl ziemlich unwohl gefühlt. Ich rief meinen Mann an, dass er nun kommen könne. Beim Kaiserschnitt durfte er nicht dabei sein, das geht in diesem Krankenhaus nur bei geplanten Sectios. Somit war es dann auch egal, dass der Oberarzt Tempo machte und den Kaiserschnitt jetzt gleich durchführen wollte.

26 Minuten

Die nächsten 26 Minuten – so kurz dauerte es vom Telefonat mit meinem Mann bis zum ersten Schrei – erlebte ich ein wenig wie im Film. Es ging alles so schnell, weil in so einem OP einfach jede Hand weiß, was sie zu tun hat. Ich kam mir zwischenzeitig vor wie ein Notfall, obwohl ich keiner war – aber es waren einfach alle so unglaublich routiniert und flott. Die Spinalanästhesie saß beim ersten Stich und wirkte so schnell, dass ich es gar nicht mitbekam, dass schon geschnitten wurde. Zwischenzeitig kamen mir am OP-Tisch die Tränen und ich bat den Anästhesisten, sie mir wegzuwischen und merkte an, dass ich gerade emotional überfordert wäre. „Also an Ihrem Blutdruck merkt man das aber nicht, Sie sind schon eine ganz Coole!“, meinte er und da musste ich tatsächlich ein wenig lachen. Stimmt, that’s me.   

Dammbruch der guten Art

Als er dann aber anmerkte, dass man das Köpfchen schon sieht und ich die Assistenzärztin hörte, die meinte: „Ja, das ist wirklich ein großes Kind“, brachen bei mir die Dämme. Diesmal weniger aus Überforderung, sondern weil es mein Gefühl bestätigte und ich einfach nur froh war, dass ich uns den Kampf erspart hatte und es endlich vorbei war. Kurz gesagt: Ich war überglücklich! Dann hörte ich sie auch schon schreien und kurz darauf hielt mir die Hebammenschülerin mein Baby schon an die Wange. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, bis sie fragte, ob es in Ordnung wäre, wenn sie das Kind jetzt dem Papa übergeben, der sei schon da. Ich bejahte und bekam nur am Rande mit, dass ich zugenäht und weiter versorgt wurde. Der Oberarzt attestierte mir eine schöne Naht (ich ließ ihm das Selbstlob an der Stelle) und ich war wenige Minuten später heilfroh, endlich zu meinen beiden Lieben dazugesellt zu werden.  

Der Anblick von Papa mit Baby im Kreißsaal trieb mir nochmal die Freudentränen in die Augen. Meine Tochter wurde mir an die Brust gelegt, sie saugte sich sofort fest, mein Mann neben mir und ich war einfach nur überglücklich. Als die Hebamme hereinkam, meinte sie nur: „Wie schön, da lacht ja jemand!“ Ich bedankte mich bei ihr für die gemeinsam getroffene Entscheidung. In dem Moment – und das Gefühl hält bis heute an – war ich einfach nur dankbar und froh, dass meine Tochter gesund und ohne Komplikationen zur Welt kam und auch ich unbeschadet aus dem ganzen hervorging.  

Das Becken war zu klein

Dass die Expertise der Hebamme und mein Körpergefühl richtig waren, wurde uns promt von ärztlicher Seite bestätigt: Mein Becken wurde während des Kaiserschnitts vermessen und ja, es wäre definitiv zu klein für meine Tochter gewesen. Weshalb die Natur einer so kleinen Mutter wie mir so ein großes Kind schenkt, sei dahingestellt – nicht immer ergibt ‚die Natur‘ Sinn. In früheren Zeiten wären entweder wir beide oder eine von uns gestorben oder zumindest nicht schadlos aus der Geburt gekommen. Ich war in diesen Stunden nach der Geburt, im Kreißsaal mit meinem Mann und meinem kleinen großen Baby so dankbar, dass es uns gut ging, glücklicher hätte ich auch nach einer unkomplizierten Spontangeburt nicht sein können. Und so schloss ich meinen absoluten Frieden mit dem Satz „Das wird wohl auf einen Kaiserschnitt hinauslaufen“.   

PS: Meine vielen Befürchtungen, die mit der Tatsache einer Sectio einhergehen, haben sich als nicht zutreffend herausgestellt. Klar, das erste Aufstehen war wirklich heftig – das muss man schon ehrlich sagen. Aber bereits nach wenigen Tagen war ich fit und mobil, nach drei Wochen komplett schmerzfrei, mit der Narbe gab es überhaupt keine Probleme. Nichts in mir hat nach der Geburt mit diesem Kaiserschnitt gehadert.

Barbara Horvatits-Ebner

Seit 2017 blogge ich auf reisepsycho.com über Reisen allgemein und auch darüber, was Reisen mit unserer Psyche macht – oder die Psyche mit dem Reisen. Beruflich bin ich als Klinische Psychologin in Graz tätig und arbeite im Justizwesen.

Ich habe mich auf Social Media immer für einen offenen Umgang mit dem Thema „Sternenkinder“ engagiert.

Alle Geschichten im Adventskalender 2023

An dieser Stelle werde ich alle bereits veröffentlichten Geburtsgeschichten des Adventskalenders 2023 auflisten. Aus technischen Gründen kann das ein paar Tage dauern. Du findest aber auch alle Geschichten hier.

  1. Michèle: Elisas Hausgeburt
  2. Lea: Beckenendlagengeburt nach erfolgloser Äußerer Wendung
  3. Manon: Hausgeburt von Claire
  4. Sarah: Hausgeburt von Max Benedikt
  5. Barbara: Ungewollter Kaiserschnitt
  6. Wanda: 103 Stunden Geburt
  7. Anna: Anouks Geburt im Geburtshaus mit Notfallverlegung
  8. Anne: Kaiserschnitt nach Schwangerschaftsdiabetes und erfolgloser Einleitung
  9. Martina: 2 mal Kaiserschnitt, VGA2C, Hausgeburt
  10. Bea: Aufgeben ist nicht das Ziel
  11. Gerit: Im Krankenhaus gibt’s keine Decken
  12. Verena: Persönlichkeitsentwicklung hoch Drei
  13. Julias Sternenkind: Geburt zuhause
  14. Marion: Loreley wurde tot geboren
  15. Maranda: Today my baby will be born
  16. Natalie: Hausgeburt einer Sternenguckerin
  17. Natalie: Mit Kaiserschnitt im Reinen
  18. Magdalena: Hingabe an den weiblichen Körper
  19. Sabine: versöhnliche Krankenhausgeburt nach außerklinischen Geburten
  20. Patricia: Hausgeburt im Wasser oder an Land?
  21. Stefanie: Dominik lebte nur fünf Tage
  22. Melissa: Wenn das Körpergefühl verschwindet
  23. Laura: Alleingeburt nach Kaiserschnitt
  24. Tanja: Der Kreislauf der Natur
  25. Bonus: Maria: Ungeplante Alleingeburt

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Katharina Tolle

Wie schön, dass du hier bist! Ich bin Katharina und betreibe seit Januar 2018 diesen Blog zu den Themen Geburtskultur, selbstbestimmte Geburten, Geburtsvorbereitung und Feminismus.

Meine Leidenschaft ist das Aufschreiben von Geburtsgeschichten, denn ich bin davon überzeugt, dass jede Geschichte wertvoll ist. Ich helfe Familien dabei, ihre Geschichten zu verewigen.

Außerdem setze ich mich für eine selbstbestimmte und frauen*-zentrierte Geburtskultur ein. Wenn du Kontakt zu mir aufnehmen möchtest, schreib mir gern!

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