Marion: Loreley wurde tot geboren

Als Marion erfuhr, dass ihr Baby im Bauch mit Spina Bifida diagnostiziert wurde, entschied sie sich für einen späten Schwangerschaftsabbruch und brachte Loreley tot zur Welt. Davon erzählt sie heute im Geburtsgeschichten-Adventskalender an Tag 14.

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Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Geburtsgeschichten-Adventskalenders 2023. Alle Folgen sowie Infos zu Gewinnspielen findest du unten.

Marion: Loreley

Schwangerbleiben war ein Problem

Meine Tochter heißt Loreley. Das ist ihr spiritueller Name. Auf ihren weltlichen Namen hatten wir uns noch nicht geeinigt. Wir dachten, wir hätten noch 4 Monte Zeit. Ihr errechneter Geburtstermin variierte je nach Arzt und Schwangerschaftswoche +/- zwei Tage um den 07. Juli 2023. Loreley kam jedoch am Freitag, den 17.03.2023, um 6.40 Uhr in der Charité in Berlin auf die Welt. Sie hatte 545 Gramm und war 31 Zentimeter groß. Loreley hat 3 weitere Sternengeschwister. Sie war mein erstes Kind, dass ich durch eine Geburt im Krankenhaus zur Welt brachte.

Mr. Magic hatte zwei Bonuskinder aus der ersten Ehe mitgebracht und wir hatten 2021 entschieden, dass wir ein gemeinsames Kind haben wollen. Mit dem „Schwanger werden“ hatten wir keine Probleme. Unsere Herausforderung bestand im „Schwanger bleiben“. Bisher hatten wir immer Komplikationen. Entweder war der Dottersack nicht richtig entwickelt oder das Herz blieb einfach stehen. Mit Loreley war das anders und wir freuten uns riesig. Ich war regelmäßig in der Charité, spritzte Heparin, ging zur Frauenärztin und zu den Vorsorgeuntersuchungen.

Alles scheint gut

Keine Trisomie.

Kein Schwangerschaftsdiabetis.

Keine Probleme.

Während der Schwangerschaft hatte ich Heißhunger auf Zitrusfrüchte. Teilweise lutschte ich zum Frühstück Zitronen aus. Ich ging viel spazieren und hatte immer mehr Probleme mit Wassereinlagerungen. Regelmäßig telefonierte ich mit einer Freundin, die einige Wochen zuvor entbunden hatte. Ich genoss den Baby-Mädels-Talk beim Spazierengehen und stellte dabei immer wieder fest, wie kurzatmig ich war. Was sollte das noch werden?

Als Selbstständige ging ich meiner Arbeit wie gewohnt weiter nach. Meine Kund:innen und Geschäftspartner:innn freuten sich mit mir. Ich liebe meine Arbeit und begann, sie anders zu verteilten. Ich dachte langfristig und sagte mehr Nein. Mein Pensum fuhr ich langsam runter, um mich auf die Zeit mit Loreley vorzubereiten. Außerdem überlegte ich bereits, wie mein Arbeitsalltag mit Loreley aussehen könnte. Manchmal war ich so müde, dass ich vor und nach dem Mittagessen einen Powernap einlegte. Ich liebte mein Leben.

Ich konnte anhand der Ultraschallbilder sehen, wie sich Loreley entwickelte und hatte mir zusätzlich eine Schwangerschaftsapp heruntergeladen, um wochenweise zu erfahren, was sich gerade entwickelte und wie groß Loreley ungefähr war. Nebenbei arbeiteten wir unsere Checkliste ab und bereiteten uns auf die Geburt vor.

Wir entschieden uns für ein Krankenhaus in der Nähe und meldeten uns an. Je eher, desto besser.

Außerdem traf ich für meine geplante Workation im Juni wichtige Entscheidungen gemeinsam mit dem Veranstalter, schließlich würde ich dann im achten Monat sein und man weiß ja nie. Ich liebte seine Antwort: „Stornieren? Das kannst du bis einen Tag vorher. Ich muss nur das Krankenhaus wissen und plane eine Fahrbereitschaft für dich ein. Ganz ehrlich: So ist das Leben. Kinder sind toll und sie gehören zur Karriere dazu. Wenn dein Baby während der Workation kommen sollte, dann bekommt es eine lebenslange Mitgliedschaft geschenkt.“ Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Ich fand meine Hebamme und wir buchten uns einen Geburtsvorbereitungskurs für Mai. Außerdem kauften wir die ersten Babymöbel und begannen umzuräumen, damit ein weiteres Kinderzimmer entstehen konnte. Wir wollten das alles so schnell wie möglich erledigt haben, denn ich wurde immer runder. Wir hatten alles vorbereitet und dann kam alles anders.

Schock beim Ultraschall

Bei einem Ultraschall Ende Februar sagte mir meine Frauenärztin, dass sie Probleme hat, das Kleinhirn zu sehen. Ich sollte mir jedoch keine Sorgen machen, denn Loreley liege ungünstig und ihr Bildschirm wäre recht klein. Ich sollte es in der nächsten Woche bei der 2. Pränatalen Diagnostik ansprechen und weiterhin entspannt schwanger sein. Das tat ich. Eine Woche später bekamen wir dann allerdings die Diagnose Spina bifida und unsere Welt brach zusammen.

Mein Körper und die Schwangerschaft fühlten sich vollkommen richtig an und das Gefühl passte einfach nicht zur Diagnose. Alles war in Ordnung und nichts war in Ordnung zur gleichen Zeit.

Schwangerschaftsabbruch in der 24. Woche

Ab da war nichts mehr wie vorher. Wir nahmen alle Termine wahr und entschieden uns für einen Schwangerschaftsabbruch. Bevor die Geburt eingeleitet wurde, wurde ein Fetozid durchgeführt. Loreley wurde in meinem Bauch getötet.

Foto: privat

Ich lag anschließend allein in meinem Zimmer auf der Geburtsstation in der Charité und hörte die Babys anderer Frauen schreien.

Ich war tottraurig und freute mich gleichzeitig für ihr Glück.

Am 16.03.2023 bekam ich weheneinleitende Medikamente. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete und wann es losgehen würde.

Mr. Magic betreute die Kinder zu Hause. Da war er am besten aufgehoben. Für die Geburt brauchte ich ihn nicht. Mir war es lieber, wenn er nicht noch mehr zu verarbeiten hätte. Für ihn und für mich war es das Beste, wenn ich die Geburt allein bewältigen würde.

Gegen 21 Uhr hatte ich genug vom Warten und entschied mich dafür, erstmal zu schlafen. Kurz vor Mitternacht wurde ich von Schmerzen geplagt.

Ich bin sehr belastbar und kann viele Schmerzen aushalten. Das wusste ich aus Erfahrung.

Mein Mann hatte vorher schon gesagt, dass ich mich nicht unnötig selbst quälen oder mich gar selbst bestrafen sollte. Ich sollte eine PDA in Betracht ziehen, um mich zu entlasten.

Mir war alles egal. Wozu diese Schmerzen aushalten? Eine Belohnung würde es nicht geben. Wir würden unsere Tochter nicht mit nach Hause nehmen.

Ich klingelte nach der Hebamme und teilte ihr meine Entscheidung mit. Auf dem Anamnesebogen für die Narkose musste ich die Frage beantworten „Könnten Sie schwanger sein?“ Ganz schwarzer Humor. Aber schön, wenn es für die Admin leichter ist… Ich wurde auf eine mögliche Querschnittslähmung hingewiesen. Es war mir egal. Wenn ich ehrlich bin, war mir alles egal. Der Gedanke, bei der Geburt zu sterben, fühlte sich wie eine Entlastung an. Als würde aller Schmerz von mir genommen. Die körperlichen Schmerzen waren nichts im Vergleich zu den seelischen Schmerzen und meinem Verlust, der nur noch nicht endgültig war.

Der Anästhesist war zu der Zeit gerade im Kreißsaal. Ich weiß nicht mehr, wer mir eine Infusion mit einem Schmerzmittel gab. Ich spürte nur, wie ich von Minute zu Minute benebelter und müder wurde. Ich war so dankbar.

Eine halbe Stunde später kam der Anästhesist. Ich musste mich auf die Bettkante setzen. Es dauerte gefühlt eine Ewigkeit, weil ich so benebelt war. Er gab mir die PDA und als ich wieder lag, war ich sofort weg. Schlafen.

Ich wachte auf, als es noch dunkel war. Ich fühlte, dass etwas nicht richtig war.

„Du musste klingeln“ sagte eine Stimme in mir.


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Ich wachte erneut in der Dunkelheit auf. Das fühlte sich immer noch falsch an. Wie festgesteckt.

„Jetzt klingle endlich.“ War da wieder die Stimme.

Ich war so zugedröhnt mit Medikamenten und hatte keine Kraft zu klingeln. Stattdessen klingelte ich in meinem Traum und schlief wieder ein.

Mein Zeitgefühl war nicht vorhanden.

Es war jedoch noch immer dunkel.

Irgendwann schaffte ich es zu klingeln und nuschelte der Hebamme zu, dass es sich falsch anfühlte. Trotz PDA hatte ich dieses Druckgefühl im Becken.

Sie tastete mich ab und teilte mir mit, dass der Blasensprung ausgeblieben war. Loreley steckte fest.

Die Hebamme bereitete alles für die Geburt vor. Da ich alleine im Zimmer war, konnte ich zwischen Zimmer und Kreißsaal wählen. Ich entschied mich, im Zimmer zu bleiben. Der Tag brach langsam an. Die Stadt erwachte. Das Fenster war offen und die Amseln sangen den Frühling herbei. Es war unglaublich schön und tragisch zugleich.

Als die Hebamme die Fruchtblase öffnete, ergoss sich eine Welle Wasser auf das Bett. Das war mir so unangenehm. Alles eingesaut. Ich presste, so gut es ging. Da ich keine Wehen wahrnehmen konnte, fand ich meinen eigenen Rhythmus.

Nichts geschah.

Ausnahmesituation, auch für die Hebamme

Die Hebamme begann ihren Satz mit „Bei normalen Frauen…“.

Ich schaute sie an und korrigierte im Kopf, bevor sie sich entschuldigte und neu ansetzte. Ausnahmesituation. Auch für die Hebamme. Sie begleiten freiwillig bei einer stillen Geburt. Ich war dankbar, dass sie an meiner Seite war. Wie das gelaufen wäre, wenn sich in der Schicht keine Hebamme bereit erklärt hätte, meine stille Geburt zu begleiten, wollte ich mir gar nicht ausmalen.

Wir probierten alles Mögliche. Ich fühlte mich wie ein gestrandeter Wal. Ohne ihre Hilfe hätte ich mich aufgrund der PDA kaum rühren können. Ich hockte am Ende auf dem Bett und guckte still aus dem Fenster. Als Loreley aus mir herausfiel, war ich erleichtert. Bei Tierfilmen hatte ich mich immer gefragt, wie sich die Kuh fühlt, wenn das Kälbchen aus ihr herausflutschte. So ungefähr musste es sich wohl anfühlen.

Loreley war so zierlich.

Foto: privat

Wie eine kleine BABY born

„Wie eine kleine BABY born.“ schoss es mir in den Kopf und die Tränen in meine Augen.

Mein BABY born magic girl war tot. Mein Leben war ein Trümmerhaufen, dabei war vor drei Wochen noch alles in Ordnung gewesen. Wie schnell sich alles verändern kann…

Ich legte mich hin. Die Hebamme hatte Loreley auf ihrer flachen Hand liegen und reichte mir die Schere.

Darüber hatte ich mir keine Gedanken gemacht. Ich durchtrennte die Nabelschnur selbst und sie legte mir Loreley auf die Brust.

„Mhhh, die Nachgeburt lässt auf sich warten.“ sagte sie und zerrte an der Nabelschnur. „Wenn sich die Plazenta nicht löst, müssen Sie in den OP zur Ausschabung.“

Mir wurde übel. Reichte es nicht?! Scheißuniversum!

Während ich da lag, sagte ich mir immer wieder die Affirmation „Meine Plazenta löst sich leicht und vollständig. Jetzt.“

Immer wieder.

Währenddessen säuberte mich die Hebamme so gut es ging.

Kurze Zeit später sagte mir die Hebamme, dass sie Loreley für einen Augenblick brauchen würden, um ihre Arbeit machen zu können. Messen, wiegen, waschen, Fotos machen und Fußabdrücke nehmen.

„Aber Sie tun ihr nicht weh und bringen sie mir wieder, ja?!“ war meine Antwort.

Jetzt erst konnte ich verstehen, dass Mütter zu Helikoptern oder Löwen mutieren können. Natural Transformers.

„Natürlich bekommen Sie sie sofort wieder. Wir legen Ihre Tochter in den Schlafsack, den Sie ausgesucht haben und dann können Sie den ganzen Tag zusammen Zeit verbringen.“

Ich freute mich und dann setzte mein Verstand ein und sagte „Zeit verbringen mit einer Babyleiche.“

Das Gefühl ist nur schwer zu beschreiben. Durchflutet von Hormonen und der Kopf, der rational die Situation einordnet.

Kurze Zeit später kam Mr. Magic durch die Tür. Er hatte die Kinder in die Schule gebracht und war sofort ins Krankenhaus gekommen. Besorgt schaute er mich an. Ich gab ihm ein Lagebild und sagte ihm, dass mir als nächstes noch eine Ausschabung im OP bevorstand.

Ob er etwas für mich tun könnte, fragte er und streichelte meine Hand.

„Ich habe Geschmack auf Cola. Voll ekelig. Aber eine kalte Cola wäre was.“

Er machte sich auf den Weg als sie mich aus dem Zimmer und in den OP schoben.

Ausschabung nach der Stillen Geburt

„Meine Plazenta löst sich leicht und vollständig. Jetzt.“

Immer wieder sagte ich mir in Gedanken diesen Satz und visualisierte.

Im OP waren 7 „vermummte Personen“ – alles Frauen. Da die PDA schon da war, wurde diese genutzt, um noch mehr Medikamente in mich zu pumpen. Ich war wie gelähmt und Panik stieg in mir auf. Ich fühlte mich hilflos und ausgeliefert. Unten war ich vollkommen ungeschützt und ich wurde noch weiter gekippt, so dass mir das Blut in den Kopf lief und mir übel wurde. Ich sagte mir nicht nur meinen Plazentasatz, sondern fokussierte mich gleichzeitig auf die tiefe Bauchatmung, um die Panikwelle zurückzufahren.

Als sie gerade mit dem Eingriff beginnen wollten, hörte ich den entscheidenden Satz, der mir Erleichterung brachte „Die Nachgeburt ist da. Vollständige Ablösung der Plazenta. Eine Ausschabung ist nicht nötig.“ Ich habe die Plazenta nicht gesehen und war so unendlich dankbar, dass ich um die Ausschabung drum rumgekommen war.

Dann bekam ich ein sauberes Bett und wurde zurück in mein Zimmer gebracht.

„Wir können Sie frühstens entlassen, wenn die PDA nachlässt, Sie allein auf die Toilette gehen können und Ihr Kreislauf stabil ist. Am Nachmittag ziehen wir den Katheter.“

Ich wollte mein Kind wiederhaben

Blabla… ich wollte einfach nur mein Kind wiederhaben.

„Zum Stillen sollten Sie noch wissen, dass wir dafür eine Tablette haben, aber die macht ein bisschen traurig.“ Sagte die Ärztin. Ich weiß, sie meinte es gut. Aber wie viel mehr traurig sollte mich eine Pille machen?! Mein Kind war tot. Aufgrund meiner Depression entschied ich mich gegen die Pille und für Pfefferminztee. Das würde sich auf natürlichem Weg regeln.

Der Rest war mir egal. Ich wollte einfach nur meine Ruhe und mein Baby haben.

Den Tag verbrachte ich dann zufrieden mit Loreley. Frühstück, Mittagessen. Mittagsschlaf. Wir machten alles zusammen.

Mr. Magic fuhr vor dem Mittagessen nach Hause, um die Kinder zu holen und kam später wieder. Wir hatten darüber gesprochen, ob die Kinder sie sehen dürfen. Ich sagte ihm, dass ich es sowohl für ihn als auch für die Kinder wichtig finde. Loreley ist ein Familienmitglied, auch wenn sie nicht so lange in unserer Familie blieb.

Während ich mit ihr allein war, streichelte ich sie, sprach mit ihr und schaute sie mir an. Auf ihrem Rücken hatte sie einen riesigen Rucksack aus Membran. Alles, was an Membranen und Rückenmark in ihrem Körper drin sein sollte, trug sie als Ballast auf dem Rücken. Mein armes kleines Mädchen.

Für mich war das die Bestätigung, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten, auch wenn diese mein Herz zerriss.

Noch schlimmer wäre es für mich gewesen, mein Kind jeden Tag als Pflegefall dahinsiechen zu sehen.

Ein Auftrag an Loreley

Im Krankenhaus schrieb ich ihr einen Brief. Die Hebamme hatte vorgeschlagen, einen Brief zu schreiben über das, was wir eigentlich noch zusammen hätten erleben sollen. Für mich ergab das überhaupt keinen Sinn. Ich schrieb stattdessen auf, was wir in den letzten 24 Wochen alles zusammen erlebt hatten. Dann gab ich ihrer Seele einen Auftrag mit. Anschließend tauschte ich das Kuscheltuch im Sternennest und machte mir ein eigenes Erinnerungsfoto. Dann machte ich eine schamanische Zeremonie, öffnete alle ihre Chakren und entließ ihre Seele aus dem Körper. Sie sollte nicht länger als nötig eingesperrt sein.

Kurze Zeit später stand Mr. Magic mit den Kindern in der Tür. Ich verdeckte Loreley schnell, weil ich noch nicht wusste, wie er sich entschieden hatte. Durften die Zwillinge ihre Schwester sehen?

Abschied der Geschwister

Er überprüfte die Lage und die 10-Jährigen durften ihre Schwester im Sternennest sehen. Wir sprachen nicht viel. Die Fragen kamen erst später.

Am späten Nachmittag kam der schlimmste Moment des Tages.

Der Abschied.

Ich hatte meine Tasche gepackt und mich vollständig bekleidet.

Bis zum Moment des Abschieds war ich ganz tapfer gewesen.

Meine Eltern hatte ich vor der Geburt gefragt, ob sie sich von ihrer Enkelin verabschieden möchten. Mit ihrer distanzierten Antwort hatte ich gerechnet. Sie kamen nicht. Meine Situation sorgte für einen Flashback, hatten sie selbst ein unbearbeitetes Trauma vor genau 40 Jahren erlebt…

Dann kam die Hebamme und bat mich, ihr das Nest zu übergeben. Ich war so unendlich traurig. Ich wollte Loreley nicht weggeben. Ich wollte sie behalten. Für immer, wohlwissend, dass diese Option nicht bestand.

Als ich das Nest aus den Händen gab, bekam ich meine Papiere. Darunter meinen Mutterpass. Was für ein Hohn.

Andere Mütter nehmen einen vollen Maxi-Cosi mit nach Hause. Ich nur die rote Kuscheldecke, in der Loreley nach der Geburt eingewickelt wurde.

Es war der schlimmste Tag meines Lebens.

Nachdem wir das Krankenhaus verlassen hatten, weinte ich nur noch.

Hyazinthen für Loreley

Am nächsten Tag schaffte ich es irgendwann aus dem Bett, ging in den Garten und wühlte in der Erde. Ich erinnerte mich, dass ich Anfang Februar aus dem Küchenfenster auf das Beet geschaut hatte und überlegt hatte, wer sich wohl darum in diesem Jahr kümmern würde.

Darum hatte sich das Universum gekümmert.

Nebenan lachten die Nachbarn und freuten sich über den Frühling. Sie hatten nicht mitbekommen, dass ich schwanger war.

Sie hatten auch nicht mitbekommen, dass ich es nicht mehr war.

Das ersparte mir viele Gespräche.

Ich pflanzte an diesem Tag Hyazinthen. Sie werden jedes Jahr zur selben Zeit blühen und ich werde mich daran erinnern, dass ich es aus dem Bett geschafft hatte, um sie zu pflanzen. Sonst wäre ich zugrunde gegangen.

An der Trauergruppe für Sternenkindeltern konnte ich im April nicht teilnehmen. „Das ist erfahrungsgemäß noch zu früh“ sagte mir die Durchführende. Zu der Zeit hätte ich die Gruppe und den Austausch am nötigsten gebraucht. Ich kümmerte mich selbst um meine Trauer. Schrieb ein Buch und besuchte die Trauergruppe ab Juni.

Die Beisetzung von Loreley fiel auf ihren errechneten Geburtstermin.

Manchmal sind die Wege des Herren unergründlich – auch wenn ich ihn „das Universum“ nenne.

Über Marion Glück

Mein Name ist Marion Glück. Ich bin 4-fache Sternenmama, Marineoffizier und Mentorin für (Selbst-)Führung. Meine erste Trauer nach dem Pränatalen Befund habe ich in meiner Form der Buchtherapie mit dem Buch Schwere Entscheidungen leicht treffen* bearbeitet. Das zweite Buch zur stillen Geburt und der Verarbeitung des Verlustes schreibe ich gerade. Es erscheint am 01. März 2024.

Mehr über mich erfährst du auch in diesem Interview: https://www.rheinmaintv.de/sendungen/beitrag-video/interview-mit-marion-glueck/vom-12.10.2023/

Alle Geschichten im Adventskalender 2023

An dieser Stelle werde ich alle bereits veröffentlichten Geburtsgeschichten des Adventskalenders 2023 auflisten. Aus technischen Gründen kann das ein paar Tage dauern. Du findest aber auch alle Geschichten hier.

  1. Michèle: Elisas Hausgeburt
  2. Lea: Beckenendlagengeburt nach erfolgloser Äußerer Wendung
  3. Manon: Hausgeburt von Claire
  4. Sarah: Hausgeburt von Max Benedikt
  5. Barbara: Ungewollter Kaiserschnitt
  6. Wanda: 103 Stunden Geburt
  7. Anna: Anouks Geburt im Geburtshaus mit Notfallverlegung
  8. Anne: Kaiserschnitt nach Schwangerschaftsdiabetes und erfolgloser Einleitung
  9. Martina: 2 mal Kaiserschnitt, VGA2C, Hausgeburt
  10. Bea: Aufgeben ist nicht das Ziel
  11. Gerit: Im Krankenhaus gibt’s keine Decken
  12. Verena: Persönlichkeitsentwicklung hoch Drei
  13. Julias Sternenkind: Geburt zuhause
  14. Marion: Loreley wurde tot geboren
  15. Maranda: Today my baby will be born
  16. Natalie: Hausgeburt einer Sternenguckerin
  17. Natalie: Mit Kaiserschnitt im Reinen
  18. Magdalena: Hingabe an den weiblichen Körper
  19. Sabine: versöhnliche Krankenhausgeburt nach außerklinischen Geburten
  20. Patricia: Hausgeburt im Wasser oder an Land?
  21. Stefanie: Dominik lebte nur fünf Tage
  22. Melissa: Wenn das Körpergefühl verschwindet
  23. Laura: Alleingeburt nach Kaiserschnitt
  24. Tanja: Der Kreislauf der Natur
  25. Bonus: Maria: Ungeplante Alleingeburt

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Katharina Tolle

Wie schön, dass du hier bist! Ich bin Katharina und betreibe seit Januar 2018 diesen Blog zu den Themen Geburtskultur, selbstbestimmte Geburten, Geburtsvorbereitung und Feminismus.

Meine Leidenschaft ist das Aufschreiben von Geburtsgeschichten, denn ich bin davon überzeugt, dass jede Geschichte wertvoll ist. Ich helfe Familien dabei, ihre Geschichten zu verewigen.

Außerdem setze ich mich für eine selbstbestimmte und frauen*-zentrierte Geburtskultur ein. Wenn du Kontakt zu mir aufnehmen möchtest, schreib mir gern!

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